Stell dir vor, du spazierst heute an einem sonnigen Nachmittag durch die malerischen Gassen der Biedenkopfer Altstadt. Das Lachen von Kindern hallt vom Marktplatz wider, in den Cafés sitzen die Menschen entspannt beisammen. Doch wenn die alten Fachwerkhäuser sprechen könnten, würden sie dir Geschichten aus einer Zeit flüstern, in der pure Verzweiflung und Todesangst genau diese Gassen beherrschten.
Der „Schwarze Tod“ – die Pest – war ein unheimlicher Gast, der Biedenkopf und das Hessische Hinterland über Jahrhunderte hinweg mehrfach heimsuchte. Lass uns eine Reise in diese düstere Vergangenheit antreten, hinein in die nackten Fakten und die herzzerreißenden Schicksale der Menschen, die damals hier lebten.
Die frühen Wellen: Von Massensterben und strenger Quarantäne
Symbolbild
Pest London 1665
Die erste verheerende Berührung mit der Seuche erlebte die Region im Jahr 1347, kurz nachdem der kriegerische Graf Johann von Nassau plündernd durch das Hinterland gezogen war. Das Land lag in Trümmern, die Menschen hungerten – ein gefundenes Fressen für die Krankheit.
Im Jahr 1518 brach die Pest dann mit unvorstellbarer Wucht direkt in Biedenkopf aus. Zeitgenössische Quellen sprechen davon, dass ein gewaltiger Teil der Biedenkopfer Einwohnerschaft dahinraffte. Die Panik war so groß, dass niemand mehr wagte, die Kranken zu pflegen. Das Elend gipfelte darin, dass sich kaum noch gesunde Hände fanden, um die unzähligen Toten zu bestatten.
Doch die Stadtväter lernten aus diesem Trauma. Als in den Jahren 1563 und 1611 die Pest im benachbarten Marburg wütete, reagierte Biedenkopf blitzschnell. Man richtete eine rigorose Quarantäne ein: Jeder, der verdächtig erschien, wurde sofort isoliert und in das abgelegene „Siechhaus“ am Billerbach gesperrt (woher noch lange der Flurname „an den Siechhecken“ stammte). Kein Fremder durfte die Pforte am Hospital ohne strengstes Verhör passieren.
Das funktionierte so gut, dass Biedenkopf als sicherer Zufluchtsort galt! 1563 floh das Pädagogium der Universität Marburg in unsere Stadt, und 1611 suchte gar die landgräfliche Regierung des Oberfürstentums Hessen Zuflucht im sicheren Biedenkopf. Beide residierten im repräsentativen Schenkbarschen Haus.
Der Ausbruch der Hölle: Der Dreißigjährige Krieg
Was die Menschen in Biedenkopf und den umliegenden Dörfern jedoch ab dem Jahr 1625 erlebten, übersteigt jede Vorstellungskraft. Die Heere des Feldherrn Tilly schleppten die Beulenpest erneut in das von Einquartierungen und Kriegen gezeichnete Hessenland ein.
Die apokalyptischen Zustände in den Dörfern spotten jeder Beschreibung. Die Menschen fielen buchstäblich „haufenweise“ dahin. In einem Dorf des Amtes Blankenstein war die Sterblichkeit so gewaltig, dass die wenigen Überlebenden aus purer Panik vor einer Ansteckung eine riesige Grube weit vor dem Dorf aushoben. Sie wagten es nicht mehr, ihre toten Nachbarn zu berühren, sondern zogen die Leichen mit langen Feuerhaken in das Massengrab. Zu allem Überfluss zogen auch noch Plünderer durch die Geisterdörfer und warfen selbst Todkranke unbarmherzig aus ihren Betten, um an deren letzte Habseligkeiten zu gelangen.
Herzzerreißende Einzelschicksale
Hinter all diesen trockenen Geschichtsdaten verbergen sich erschütternde Familientragödien. Werfen wir einen Blick in die vergilbten Kirchenbücher unserer Region:
Das tödliche Souvenir des Gerlach Seybel (1632) Im nahen Wallau glaubte man sich noch sicher. Doch am 27. Juli 1632 brachte der Bürger Gerlach Seybel heimlich ein Andenken von seiner kurz zuvor in Biedenkopf verstorbenen Schwester mit ins Dorf. Das Souvenir trug den Tod in sich: Bereits drei Tage später starben sein Kind und kurz darauf seine Frau. Sie wurden heimlich in einem Garten begraben, doch das Unheil ließ sich nicht mehr aufhalten.
Die Auslöschung im Pfarrhaus (1632) Besonders hart traf es den Wallauer Pfarrer Heinrich Rese. Anfang September trug er, vermutlich von einer Beerdigung, die Seuche in sein eigenes Zuhause. Am 8. September starben seine beiden kleinen Söhne Johann Kurt (6) und Manuel (4) am selben Tag und wurden in ein gemeinsames Grab gelegt. Der verzweifelte Pfarrer notierte in sein Kirchenbuch:
"Ich acht eß alß ein schickung gottes."
Doch die Prüfung war nicht zu Ende: Am 23. September starb ein weiterer, zehnjähriger Sohn. Am 27. September folgten seine erwachsenen Töchter Anna Maria (21) und Magdalene (8), und am 30. September hauchte seine jüngste Tochter Johanna Katharina ihr Leben aus.
Das Drama auf dem Grebehof (1632) Gleichzeitig spielte sich auf dem benachbarten Grebehof Unfassbares ab. Binnen 14 Tagen starben dort der Bauer Hans Henckel und zwei seiner Kinder. Acht Tage später – während die Krankheit im Haus noch wütete – gebar die Witwe Sophia ein kleines Mädchen. Das Neugeborene, das den rührenden Spitznamen „Hans Henckels Waislein“ erhielt, wurde eiligst draußen auf dem Hof getauft, weil niemand das verseuchte Haus betreten durfte.
Der verzweifelte Ruf des Pfarrers Voogt (1611) In Battenfeld raffte die Krankheit im Jahr 1611 die Menschen dahin. Am 5. September starben dem Pfarrer Hermann Voogt an einem einzigen Tag seine beiden Töchter (17 und 12 Jahre alt). Völlig gebrochen trug er die beiden in das Totenregister ein und fügte hinzu:
"Gott erbarme sich unser, die wir noch am Leben sind und verleihe ihnen und uns allen eine fröhliche Urstend [Auferstehung]!"
Er ahnte sein eigenes Ende: Wenige Tage später erlag er selbst der Pest, ebenso wie sein Stiefsohn, zwei Knechte und zwei weitere Töchter. Acht Tote im Pfarrhaus innerhalb weniger Tage.
Und in Allendorf wütete der Tod derart grausam (190 Tote in vier Wochen), dass der dortige Pfarrer Matthäus seine Kirchenbucheinträge mit den resignierten Worten schloss:
"Ach, Herr, hie laß doch ab, es ist genug! Amen."
Die Pest in Zahlen: Fakten des Schreckens
Um dir das unfassbare Ausmaß dieser Epoche deutlich zu machen, hier die nackten und überlieferten Zahlen aus dem Biedenkopfer Raum und Umland:
- Nur 70 Familien überlebten: Dies ist die erschreckendste Zahl der Biedenkopfer Stadtgeschichte. Im Schreckensjahr 1637 rottete die Seuche die Bevölkerung derart aus, dass nach dem Abklingen nur 70 Familien in der ganzen Stadt übrig blieben.
- Friedhofsverlegung (1637): Die Masse der Toten war so gigantisch, dass der alte Friedhof an der Stadtkirche (Oberstadt) geschlossen und eiligst an die Hospitalkirche verlegt werden musste.
- 459 Pesttote in einer Pfarrei: Allein das Kirchspiel Breidenbach verzeichnete von Herbst 1625 bis Frühjahr 1635 unvorstellbare 459 Todesopfer.
- Die Schreckensbilanz 1635-1637: Die genauen Zählungen der Pfarrer in Breidenbach belegen: Im Jahr 1635 starben dort 321 Einheimische und 11 Fremde. Im Jahr 1636 waren es 194 Einheimische und 11 Fremde. Insgesamt raffte die Seuche dort in nur zwei Jahren rund 458 Menschen hinweg.
- Auslöschung ganzer Dörfer: Die Pest traf kleine Orte am härtesten. Aus Wallau sind für Ende 1632 genau 47 Pesttote überliefert, aus Weifenbach 6 Tote. In Allendorf starben in einem vierwöchigen Inferno 190 Personen.
Das Hessische Hinterland war nach dem Abzug der Pest und den Wirren des Krieges in weiten Teilen entvölkert. Der Boden lag brach, Hungerkatastrophen schlossen sich an, und uralteingesessene Familiennamen waren für immer von den Grabsteinen und aus den Urkunden verschwunden.
Wenn du also das nächste Mal am Marktplatz in Biedenkopf stehst oder die Stille der Wälder um Wallau genießt, denk für einen Moment an den ungeheuren Überlebenswillen unserer Vorfahren. Aus der Asche und dem Leid einer halbleeren Stadt bauten sie das Biedenkopf auf, das wir heute unsere Heimat nennen.
- Biedenkopf Burg und Stadt im Wandel der Jahrhunderte, Karl Huth (1977), Seiten 48, 57.
- Die Pest in Biedenkopf / Aus der Geschichte des Hospitals zu Biedenkopf (Webseiten-Artikel & Ortsgeschichten).
- Biedenkopf im 30jährigen Kriech, Armin Sieburg (Hess. STA Marburg).
- Mitteilungen aus Geschichte und Heimatkunde des Kreises Biedenkopf, Jahrgang 5 (1911) – u.a. Berichte des Geh. Regierungsrats E. Schneegans („Die Pest im ehemaligen Hessischen Hinterlande“) und Pfarrer Balzer („Das Kirchspiel Breidenbach zur Zeit des 30jährigen Krieges“).
- Mitteilungen aus Geschichte und Heimatkunde des Kreises Biedenkopf, Jahrgang 8 (1914) – Der Grebehof in Wallau, von Pfarrer Balzer.
Ähnliche Artikel

