Der Grenzgang

In früherer Zeit waren Grundbücher und Grenzsteine noch nicht vorhanden. Daher gehörte es zu den Pflichten der städtischen Beamten die Gemakungsgrenzen abzgehen und zu vermessen. Dies geschah in unregelmäßigen Abständen um den Waldbesitzt der Stadt zu sichern. Die Nachbargemeinden hatten die Möglichkeit an Ort und Stelle Grenzsteitrikkeiten vorzutragen und, im besten Fall, diese zu schlichten. 

Da Städte zu dieser Zeit weitgehende Freiheitsrechte besaßen, dienten diese Grenzbegehungen auch dazu öffentlich zum Ausdruck zu bringen, welche Freiheiten und Rechte die Stadt ihrem Landesherren gegenüber besitzte. Die Stadt hatte auch die Aufgabe rechtszeitig sachkunde Bürger bereitzustellen, die genaue Kenntnisse über den Grenzverlauf besitzen und somit jederzeit Zeugnis über diesen ablegen können. 

Wettläufer mit PeitscheWettläufer mit PeitscheIn den kulturhistorischen Erzählungen berichtet Landrichter Bork, Biedenkopf, über den Ablauf einer Verkündung anläßlich eines Grenzganzges: 

»Diese öffentlichen Verkündigungen fanden im Jahre 1519 und früher unter der sogenannten Linde statt, unter welcher das Schöffengericht gehalten wurde und woselbst sich nach Beendigung der kirchlichen Feierlichkeit der Rath zu versammeln und auf der Schöffenbank Platz zu nehmen pflegte. Der Frohnbote trat hierauf vor dieselben und verkündete dem umstehenden Volke, daß nun Gericht gehalten werde. Der Landgräfliche Schultheiß aber stand auf und fragte die Schöffen, daß sie auf ihren Eid sagten und offenbarten, was ihre Herrschaft wäre. Da traten die Schöffen zusammen und hielten einen Rath, dann aber nahm der älteste Schöffe das Wort und erklärte öffentlich: 'Wir bekennen den Landgrafen Philipp, Herrn zu Hessen, Grafen von Katzenellenbogen, zu Dietz, Ziegenhain und Nidda für unseren rechten, geborenen Herrn, an den die Herrschaft und Herrlichkeit ist. an erstorben von seinem Vater seligen:'

Befragt über ihre Freiheiten und Rechte antwortete der Schöffe:

'Zum ersten habe die von Biedencap das Herkommen und die Freiheit, daß kein Bürger wegen einer Buße soll gefänglich eingezogen werden, hat er einen Kläger, der mag ihn beklagen vor Gericht, hat er aber keinen Kläger, dann mag es einer thun, der dazu Gewalt hat von unserem gnädigen Herrn und was ihm dann erkannt wird, davon ist die Buße der Stadt Biedencap halb.

Item haben die von Biedencap das Recht zu holzen und hüten alle Sträuche und Gewälde in der Feldmark Biedencap;

Item haben sie in ihrer Feldmark im Wasser zu fischen, wie sie auch die Fische greifen mögen, ausgenommen mit Körben zu wenden und Garnen zu ziehen oder zu streichen und die Nacht zu leuchten.

Item haben die von Biedencap den Weinschank dermaßen, daß unser gnädiger Herr von einem Fuder Wein drei Pfund Gelds und die Übereiche hat.

Item haben unser gnädiger Herr und die von Biedencap zwei Wächter auf den Thurm im Schlosse, die Nacht beide und bei Tag ständig einen zu setzen, dieselbigen besoldet unser gnädiger Herr, dazu haben sie aber einen Zehnten zu geben, der da. heißt, der Thurmzehnte.

Auch hat von Alters her ein Bürgermeister und ein geistlicher Schöffe zu Biedenkap die Freiheit in seinem Hause so Einer dahin käme, der darin die Freiheit suchte, derselbe soll daraus nicht mit Gewalt herausgenommen werden, es wäre denn bewiesen, daß derselbige das Leben verwirkt habe.

Es soll auch, wer auf den Donnerstag hierher gen Biedencap kommt, von Zoll und allerlei Beschwerlichkeit ganz frei sein.

Anschließend an diese feierlichen Schöffengerichtssitzungen gingen dann die eigentlichen Grenzbegehungen vor sich.

Diese wurden geleitet von dem jeweiligen landgräflichen Amtmann und es betheiligten sich daran das Forstpersonal, der Stadtvorstand, sowie die gesammte Bürgerschaft. Der Fiscus war dabei durch einen Commissar vertreten, ebenso nahmen an dem Acte die übrigen Grenznachbarn ihrer Grenze entlang Teil.

Über jeden Grenzgang wurde eine Niederschrift angelegt

Im Jahr 1536 fand ein Grenzgang statt um Streitigkeiten mit den Gemeinden Dexbach und Engelbach beizulegen. Die Urkunde hierüber befindet sich im Staatsarchiv Marburg:

Der Mohr mit seinem SäbelDer Mohr mit seinem Säbel» 1536 August 24. Da in den Streitigkeiten der Stadt Biedenkopf (Biedencap) mit den Dörfern Engelbach (Engelnbach) und Dexbach (Deckesbach) um Trift und Hude das Hofgericht befunden hat, die Frage sei nur durch den Augenschein zu entscheiden, hat Crafft Rau (Rüwe) auf Befehl des Georg von Kolmatsch (Colmetsch), Statthalter an der Lahn, mit Caspar und Heinrich von Breidenbach, Vettern seiner Schwäger, als Schiedsrichter nach Besichtigung der Streitobjekte und Befragung beider Parteien die Sache gütlich beigelegt. Biedenkopf hat seinen Grenzgang am Pfertzbache beim Born oberhalb des Pfertzbachs angefangen und weiter den Railsberg hinauf über die Höhe nach den alten Zeichen und Malen, den Loidthennerberg binauf, stracks zur Höhe, das Hessenried, den Heimlichen hinab über den scheydts, den Hadmar hinaus nach dem alten Weg auf den Akeker, der auf dem Dornfeld gelegen ist, vorgenommen. Die Dörfer haben ihre Gemarkungsgrenze wie folgt angezeigt: Von der Wetter Höhe den Hainenweg entlang bis auf den Staffel bei dem helligen Stockr, vom Staffel nach des Staffels heubts, von des Staffels heubt nach dem Eschenborn, von dem Eschenborn hin zum Weg am Beltersberg bis zum Helffensteyn. Man ist überein gekommen, daß Biedenkopf zwei Waldungen, den Roßberg und das Hessenroidt zu ihrem Nutzen hegen soll, ohne von den Dörfern daran gehindert zu werden. Letzteren bleibt jedoch ihre Viehtrift, das Recht dürres Holz und liegendes Urholz, aber kein grünes Holz aus den Waldungen zu entnehmen. Bei Übergriffen soll der Stadt zu ihrem Recht verholfen werden. Weil Biedenkopf sich auf seinen alten Grenzgang, die Dörfer auf altes Gewohnheitsrecht berufen können, ist man übereingekommen, die Dörfer sollten die Hutegerechtigkeit mit Kühen und Schafen bis zur Grenze Helffenstein, Entzenhartt, bis zum Grund, wo Philipp Döring gebaut hat, bis unter den alten Weg, der am Beltersberg auf der Seite des Kesselstein heraus kommt, bis zur Ecke auf dem Feld, wo ein Stein gesetzt werden soll, bis zur Eiche, wo zwei Kreuze gehauen werden sollen, bis an Brülhens Ackeer, stracks über den Grund bis zum Herrnberg, unterhalb des Weges ... auf den Stein, vom Stein die Waldseite hinauf auf die sley in den Hobeln, von den Hobeln zur langen Buche mit dem Kreuz, von der Buche auf die Höhe an dem Stein oben am Holßbach, den Holßbach entlang bis zur Rüwewiese, die Rüwewiese entlang bis zum Grund und Fluß im Bartsyffen; den Grund entlang bis zum Apfelbaum, vom Apfelbaum hinauf auf den Weißen Wald, den Bergrücken am Weißen Wald hinan bis zur obersten Ulme. Was die Grenze einschließt, sollen Engelsbach und Biedenkopf zu ihrer Hude gebrauchen. Biedenkopf bleibt die Viehtrifft an den spennigen Ortens, wie von alters her, unbenommen. Dexbach und Biedenkopf sollen Urholz, Viehtrifft und Mast gemeinsam wahrnehmen. Da Dexbach die Viehtrifft an der Entzenbartt durch den Kessel, wo Philipp Döring gebaut hat, bis zum alten Weg zugestanden ist, soll das Dorf das Hüten der Schafe und Schweine ohne Erlaubnis Biedenkopfs unterlassen. Siegler: Crafft Rau, Caspar v. Breidenbach, Heinrich von Breidenbach.
D. freitags nach vincula Petri, 1536.«

Grenzstreitigkeiten

Zu Grenzstreitigkeiten kam es, trotz der Grenzbegehungen, immer wieder. Einige sind uns überliefert, die G.Bäumner im Buch "Biedenkopf: Grenzgang in Biedenkopf, 1956 zusammengefasst hat.

GemeindeGrenzstreitigkeit Jahr(e)
Breidenbach keine überliefert
Breidenstein bis 1913 hatte man keine gemeinsame Grenze mit Biedenkopt
Dautphe 1652, 1693
Dexbach 1536, 1680
Eckelshausen 1653, 1680
Eifa 1656, 1680
Engelbach 1536, 1680
Hatzfeld 1548
Katzenbach keine überliefert
Hof Roßbach 1613, 1680
Wallau keine überliefert
Weifenbach keine überliefert
Wolzhausen 1525, 1680
18.04.1688 Grenzstreitschlichtung Biedenkopf Engelbach durch Landgraf Ernst LudwigUrkunde über Grenz­streit­schlichtung von 1688

Landgräfin Elisabetha DorotheaLandgräfin Elisabetha DorotheaGrenzstreitigkeiten waren Zeichen des Behauptungswillen der Gemeinden. Durch ihre Schlichtung wurden die Bestände von Flur- und Gemarkungsgrenzen gesichert. 

Da es immer wieder zu Streitigkeiten gekommen ist, ordnete Landgräfin Elisabetha Dorothea im Jahr 1682 regelmäßige Grenzbegehungen an. 
Der erste amtlich protokollierte Grenzgang fand an zwei Tagen im Jahre 1693 (16./17.Juni) statt. Die Notwendigkeit dieser Begehung begründete sich aus den Grenzstreitigkeiten mit Dautphe und Dexbach. 

Die nächste Begehung erfolgte am 8. und 8. Juni 1716. 
Der darauf folgende, im Jahre 1723, dauerte erstmalig drei Tage. 
Weitere Grenzgänge folgten in den Jahren 1733, 1743, 1756, 1766, 1790 und 1809.
Mohr und Wettläufer werden bei der Grenzbegehung im Jahre 1809 das erste mal erwähnt. 

1821 findet der letzte Grenzgang, den man als eigentlichen Grenzgang bezeichnen kann, statt. Denn ab 1824 erfolgt die Besichtigung und Absicherung der Grenzen durch die Katasterbehörden, was den ursprünglichen Zweck des Grenzgangs, die Kontrolle und Wahrung der Gemarkungsgrenzen, überflüssig machte. 

Aus diesem Grund fand das erste "Grengangsfest" 1839 statt.
Es folgen Feste in den Jahren 1848, 1857, 1875, 1864. Im Jahre 1871 war ein weiterer geplant, der aber wegen Mißernte auf das Jahr 1872 verschoben worden ist. 
Für heute kaum vorstelbar fand aus mangelndem Interesse seitens der Bevölkerung 1879 kein Grenzgansfest statt.
Wir müssen heute dafür dankbar sein, dass einzelne Bürger mit der Gründung des Komitee im Jahre 1881, der heutige Grenzgangsverein, dafür gesorgt haben, dass wir auch heute noch das Grenzgangsfest feiern können. 

Zeichnung vom Grenzgang Biedenkopf 1872Zeichnung vom Grenzgang Biedenkopf 18721886 wurde wieder ein Grenzgangsfest gefeiert. Aus diesem Jahr stammt auch die Stadtfahne und man hat beschlossen, dass von nun an ein 7-jähriger Turnus eingehalten werden soll - sofern Kriege oder andere Höhere Gewalt es verhinderten. 
Leider sorgte schon im Jahr 1893 eine Mißernte dafür, dass man den Grenzgang um ein Jahr verschieben musste. 
Es folgten die Grenzgänge 1900 und 1907. 
Durch den ersten Weltkrieg und die darauf folgende Inflation und Not der Bürger, mussten die Grenzgänge 1914 und 1921 abgesagt werden. 
1928 und 1935 fanden wieder Grenzgänge statt - 1928 wurde das Amt des "Männerhauptmanns" eingeführt. Bei den Burschen existiert dieser übrigens bereits seit 1886. 
Wegen des zweiten Weltkriegs fällt der Grenzgang 1942 komplett aus und der Grenzgang 1949 wird, wegen der noch schlechten Situation durch die Folgen des zweiten Weltkriegs, um ein Jahr auf 1950 verschoben. 
Um den 7-jährigen Turnus einzuhalten hat man den nächsten Grenzgang nach sechs Jahren Pause 1956 gefeiert. 
Die nächsten Grenzgänge folgten ohne Ausfall oder Verschiebung 1963, 1970, 1977, 1984, 1991, 1998, 2005, 2012 und 2019.

Wie alt der Grenzgang genau ist, ist unbekannt. Einige Quellen behaupten, dass es diesen schon im 13.Jhd. oder noch viel früher gegeben hat. Da es aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen gibt, kann da nur spekuliert werden. Offiziell existiert der Grenzgang seit der Anordnung von Landgräfin Elisabetha Dorothea im Jahre 1682. Alte Dokumente belegen, dass er älter sein muss. Auch Tacitus berichtete bereits von einem germanischen Brauch, die Grenzen zu begehen. Auch wurden bereits zur germanischer Zeit Grenzstreitigkeiten an Ort und Stelle geklärt. Überliefert ist, dass der Grenzgang spätestens ab 1693 auch als Bürgerfest gefeiert wird, von dem berichtet wird, daß "große Mengen Bier, Branntwein, Wein und Victualien konsumiert wurden". Sicher ist, dass der Grenzgang seit 1824 als amtliche Begehung durch die genauen Vermessungen durch die Behörden nicht mehr notwedig ist. Man kann annehmen, dass der Grenzgang früher eine Mischung aus amtilicher Notwendigkeit und Bürgerfest war, ab 1824 ein traditionsbewahrendes Volksfest.

Genauer Verlauf der Strecke an den drei Grenzgangstagen anhand von GPS Daten

26,8 km, n/a